Mein Leben mit einem Reptoiden – eine Augenzeugin berichtet

von Ellen

Ganze sieben Jahre habe ich nichts gemerkt. Ich glaubte, auf Wolke Nummer Sieben zu schweben, als ich dem Mann meiner Träume begegnete. Jetzt im Nachhinein vergleiche ich meinen damaligen Zustand eher mit einem Drogenrausch oder einer Hypnose.

Es war ein paar Jahre nach der Wende. Endlich im Westen gelandet fand ich schnell eine Arbeitsstelle, träumte von einem freien Leben und genoß den Luxus, der uns in der DDR verwehrt geblieben war. Joghurts und Puddings aus Einmalbechern, McDonalds, richtige Jeans und endlich Coca-Cola. Jede Imbißbude und jedes italienische Eiscafé war für mich wie ein Drei-Sterne-Restaurant. Das klingt ziemlich materialistisch und so war es auch. Wenn man in einer Diktatur lebt, die alles Westliche verdammt und Religionen unterdrückt, glaubt man nur was man sieht und anfassen kann und begehrt alles, was außerhalb der Reichweite liegt. Kurzum, ich war vordergründig glücklich und gesättigt.

Die Welt stand, so glaubte ich, offen für mich. Dann wurde ich plötzlich schwanger, obwohl ich verhütet hatte. Da brach meine freie Welt schnell wieder zusammen, denn der Vater war nur eine Zufallsbekanntschaft, der nicht im Traum daran dachte, mit mir zusammen zu leben und das Kind gemeinsam groß zu ziehen. Das erste Mal sehnte ich mich nach dem Osten zurück, denn dort hätte ich meine Arbeit für ein Kind nicht aufgeben müssen. Nun drohte mir der soziale Abstieg als alleinerziehende Mutter und das mit gerade einmal fünfundzwanzig Jahren. So wollte ich nicht enden. Die Frauenärztin empfahl mir recht schnell die Möglichkeit zur Abtreibung, ihre Worte vergesse ich nie: „Das dürfte doch für Sie aus dem Osten kein Problem sein, das war doch Standard da.“ Ich fühlte mich beschmutzt und allein gelassen. So ein blödes Vorurteil über Ost-Frauen, hatte ich nicht zum ersten Mal gehört, aber hilflos und unter dem Einfluss der Schwangerschaftshormone traf mich das viel mehr als üblich. Natürlich wollte ich das Kind nicht einfach so abtreiben, dennoch suchte ich eine dieser Beratungsstellen auf und kam zum ersten Mal in meinem Leben mit Menschen aus der Kirche in Kontakt. Ich hatte noch nie eine Bibel in der Hand gehalten geschweige denn darin gelesen, noch mir ernsthaft Gedanken über den Ursprung der Welt gemacht. Die weltliche Beratung bei ProFamilia erschien mir gegen den seltsamen Kirchenleuten dagegen herzlos, nüchtern und kalt und erinnerte mich an das Menschenbild aus dem Sozialismus, mit dem ich nichts mehr zu tun haben wollte, auch wenn er mir in meiner Situation besser geholfen hätte. Auf meine Familie brauchte ich nicht zu bauen, die waren im Osten geblieben und hatten nicht viel zum Leben.

Als ich im dritten Monat war, träumte ich eines Nachts von einem Retter, einem Bild von einem Mann mit blaugrünen Augen, wallendem blonden Haar und starken Armen, die mir Sicherheit versprachen. Drei Tage später begegnete ich ihm im wirklichen Leben. Ich war sprachlos. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Da stand er vor mir an der Rezeption, die mein Arbeitsplatz war und fragte nach einem Hotelzimmer. Er hatte eine goldene Kreditkarte, trug nicht den üblichen Wessi-Schlabberlook, sondern einen maßgeschneiderten Anzug von bester Qualität. Er strahlte etwas Besonderes aus, ganz anders als die nüchternen Geschäftsleute in ihren grauen Einheitsklamotten. Ich stotterte, errötete, stammelte vor mich hin und schaffte es gerade so, die Buchung vorzunehmen. Meine Knie zitterten, als er mit dem Zimmerschlüssel Richtung Aufzug verschwand. Ich rannte aufs Klo, um mich zu übergeben. Mein Chef schickte mich anschließend nach Hause und sagte, ich solle mich in meinem Zustand schonen. Aber am nächsten Tag ging es mir wieder besser und ich stand frühmorgens erneut hinter dem Tresen. Es dauerte nicht lang, da kam mein Fremder und fragte nach einem guten Restaurant in der Nähe. Er hatte beste Manieren, wollte die Küche im Haus nicht schlecht machen, aber für den Abend suche er etwas Besonderes, da er wichtige Geschäftspartner erwarte. Männer wie er waren normalerweise unerreichbar für mich, jetzt erst recht, wo ich das Kind von einem anderen erwartete, doch in meinem Inneren war plötzlich so ein starkes Gefühl, dass hier für mich eine Chance wartete, die ich nur ergreifen musste.

Dann ging alles recht schnell. Am dritten Tag seines Aufenthalts lud mich Julian zum Abendessen ein, mir war schlecht, ich bekam kaum einen Bissen herunter, aber der Abend war wundervoll. Ich fühlte mich wohl und geborgen in seiner Nähe, schüttete ihm mein Herz aus und verriet ihm auch, dass ich schwanger sei. Er sagte, dass es ihm nichts ausmache und die nächsten Tage und Nächte verbrachten wir wie im Rausch in meinem Bett. Ich hatte mich krank gemeldet und nur noch meinen blonden Retter im Kopf, der mir den Himmel auf Erden versprach, ohne das jemals so auszusprechen. Wie selbstverständlich mietete er eine große Wohnung für uns beide, richtete ein Kinderzimmer ein und kaufte mir einen neuen Wagen. Er machte sein Geld mit irgendwas wie Finanz-Trading, wie er es nannte, war viel unterwegs und manchmal nur am Wochenende zu hause. Existenzsorgen machte ich mir keine mehr. Alles war wie weg geblasen. Als der Geburtstermin näher rückte, bekam ich Sorgen, dass er mich vielleicht doch verlassen würde, denn über Heirat hatten wir nie gesprochen. Eine meiner wenigen Freundinnen fand es seltsam, dass ich über Julian kaum etwas wusste, er nie über seine Vergangenheit sprach und allgemein Themen, die Gefühle und Emotionen betrafen, geschickt auswich. Komisch fand sie auch, wie selbstverständlich er bereit war, ein fremdes Kind als sein eigenes anzusehen, ohne darüber ein Wort zu verlieren. Ich hielt dagegen, dass er mich halt aufrichtig lieben und alles an mir akzeptieren würde, in meinem Innern aber unterdrückte ich eine aufkommende Frage: „Hat er jemals gesagt, dass er dich liebt?“ Für die Geburt meiner Tochter, wie ich mittlerweile wusste, hatte Julian sogar etwas ganz besonderes geplant – eine Unterwassergeburt in einer Privatklinik auf Gran Canaria. Im Winter würden mir die milden Temperaturen dort gut tun, hatte er gesagt und eine Unterwassergeburt sei ein unvergleichliches Erlebnis für Mutter und Kind. Alleine hätte ich mir das nie leisten können. Und so flogen wir bereits zwei Wochen vor dem errechneten Termin in den warmen Süden.

Wir wohnten in einem großzügigen Appartement direkt bei der Privatklinik. Die Hebamme und das übrige Personal waren freundlich und zugewandt, nichts erinnerte an ein herkömmliches Krankenhaus. Im Geburtsraum probten wir die anstehende Geburt und ich war voller Vorfreude. Dann aber schlug das Schicksal zu. Zwei Tage vor Geburtstermin wurde ich von einem Auto angefahren, das mit hoher Geschwindigkeit über den Bordstein raste. Es wurde dunkel, meine Erinnerung setzte aus und ich erwachte in einem Krankenbett auf einer Intensivstation. Ich hatte eine Kopfwunde, einen Kaiserschnitt in meinem Bauch und wusste instinktiv, dass mein Baby tot war. Drei Tage hatte ich im Koma gelegen. Meine kleine Tochter war entsprechend den spanischen Gesetzen bereits bestattet worden, wie man mir schonend beibrachte. Ich war fiel in eine tiefe Depression, aber Julian war bei mir, Tag und Nacht.

Zurück in Deutschland ging es mir schlecht. Julian musste viel arbeiten und sorgte dafür, dass ich psychologische Beratung bekam, eine Selbsthilfegruppe aufsuchen konnte und für alles nicht eine müde Mark bezahlen musste. Meine einzige noch verbliebene Freundin Uta ließ sich nur noch blicken wenn Julian nicht da war. Einmal fragte sie, ob ich in einer Sekte gelandet sei, ich wäre so komisch geworden und das würde ja vielen Menschen nach einem Schicksalsschlag passieren. Sie konnte immer weniger mit meinem neuen Leben anfangen und als ich wieder auf der Spur der Besserung war, glaubte ich, sie sei neidisch und wollte meine wundervolle Beziehung zu Julian zerstören. Trotzdem hielt ich den Kontakt zu ihr, sie war die einzige Person aus meinem früheren Dasein als Hotelfachangestellte. Ich besuchte Kurse über Persönlichkeitstraining, lernte viele interessante Leute kennen und befasste mich mit alten Lehren und Religionen. Mein Leben wurde langsam wieder zu dem Traum in Luxuskarossen und teuren Hotelzimmern wie vor dem schrecklichen Unfall. Aber etwas fehlte, doch in den nächsten Jahren vermied ich jede Antwort auf die Frage nach dem quälendem Gefühl in meinem Innern. Da ich nicht arbeiten musste, widmete ich immer mehr Zeit für den Club,  dessen Namen ich aus rechtlichen Gründen nicht nennen darf. Es gibt diese Clubs in jeder größeren Stadt und nur die reichsten Menschen kommen in den Genuss einer Mitgliedschaft. Alle stehen füreinander ein, helfen sich gegenseitig und fördern Wohltätigkeitsprojekte, die in der Öffentlichkeit gut ankommen. Ich hatte Glück, als Partnerin von Julian dort rein gekommen zu sein. Natürlich wurden dort auch viele Geschäfte eingefädelt, aber das störte mich weniger, über die weiteren Schattenseiten wusste ich dagegen nichts, wahrscheinlich auch die meisten der anderen nicht.

Wir haben nie über gemeinsame Kinder geredet, nur ein einziges Mal, als Julian meinte, eine Schwangerschaft würde mich vielleicht zu sehr belasten und das alte Trauma wieder auslösen. Ich hielt das für vernünftig, dasselbe sagten auch die anderen in der Selbsterfahrungsgruppe, so unterdrückte ich den Kinderwunsch und die Trauer nach meinem verlorenen Baby. Eines Tages aber hatte ich wieder einen Traum, der so realistisch war, wie der vor der ersten Begegnung mit Julian. Herbert, ein Mann aus dem Wohltätigkeitsclub, wurde darin ermordet. Ich sah dunkle Gestalten, die ihm einen Strick um den Hals legten und dann an einem Deckenbalken erhängten. Das machte mir Angst. Als ich Julian davon erzählte, sah ich das allererste Mal Unsicherheit in seinen Augen aufflackern, ja ich glaubte gar Angst darin zu erkennen. „Das hat nichts zu bedeuten, Alpträume bewahrheiten sich nicht, sie zeigen uns nur, welche Ängste wir haben“, sagte er. „Das mit uns war etwas anderes.“

Herbert war drei Tage später tot. Sein Unternehmen hatte Ärger mit der Steuerfahndung, es hieß, er habe bei der Hausdurchsuchung einen Herzinfarkt erlitten und man konnte ihm nicht mehr helfen. So stand es auch in der Zeitung, man sagte es auch auf seiner Beerdigung. Ich schwieg, aber ich wusste einfach, dass es eine Lüge war. Es war das erste Mal, dass ich etwas vor Julian verheimlichte. Wir redeten nicht mehr über den Traum. Herberts Witwe Sabine wurde nach der Firmenpleite vom Club großzügig unterstützt. Sie sorgten dafür, dass sie das große Haus nicht verkaufen musste. Sie wirkte auf mich gefühlskalt und berechnend. Vorher war mir das nie aufgefallen, wenn ich mit jemandem darüber sprach, hieß es, das läge an dem schrecklichen Tod ihres Mannes, den sie nur schwer verkraftet habe. Nach Jahren des Schweigens meldete sich plötzlich wieder meine Familie bei mir. Meine jüngere Schwester war mittlerweile erwachsen und erwartete ein Kind. Vorher wollten sie und ihr Freund heiraten und ich sollte mit Julian zur Hochzeit kommen. Die Nachricht löste einen tiefen Schmerz in mir aus, aber ich wollte sie unbedingt sehen. Julian hatte keine Zeit, er musste zu einem Treffen, wie er sagte, aber ich fühlte, dass es eine Lüge war. Auch riet er mir, nicht alleine dahin zu fahren: „Was wollen die jetzt auf einmal wieder von dir? Ich glaube nicht, dass dir das gut tut“, beschwor er mich. Ich nickte und sagte, er habe sicher recht, wie ich es meistens tat. Erst jetzt fiel mir auf, wie sehr er mein ganzes Leben beeinflusste und ich wunderte mich darüber. Die vergangenen Jahre hatte ich wie im Traum verbracht. All die klugen und weisen Leute, die ich durch Julian kennengelernt hatte, wussten immer, was gut und richtig für mich war. Und wieder hatte ich einen Alptraum. Dunkle Gestalten schnitten mir mein Baby aus dem Leib. Es war nicht tot, es lebte und schrie. Dann brachten sie es weg.

Von dem Traum erzählte ich niemandem, nur Uta, die auf einen Kaffee vorbei kam, um es mal wieder mit mir zu versuchen, wie sie sagte. ich hatte sie lange nicht gesehen, zu oft hatten wir gestritten. Sie erzählte mir, dass mit Julian etwas nicht stimmen würde. Zufällig habe sie ihn bei einem Kurzurlaub in London gesehen, er habe sie erkannt, aber sofort weggeschaut. An seiner Seite sei eine andere Frau gewesen. Meistens habe ich Uta in solchen Momenten angefaucht, denn dass Julian mich betrügen würde, hätte ich zwar theoretisch für möglich gehalten, aber nie geglaubt. Denn dann hätte er ja auch sonst das Interesse an mir verloren, hielt ich Uta  jedes Mal vor und prahlte, wie ausgehungert er von seinen Meetings nach Hause käme und mich nicht schnell genug ins Schlafzimmer kriegen konnte. Dieses Mal aber hörte ich zu. Die Frau sei am nächsten Tag als vermisst gemeldet worden, in der Zeitung habe man mit einem Bild nach ihr gesucht. Monate später habe man Teile ihres Körpers aufgefunden, in den Boulevardzeitungen wurde von einem Ritualmord gesprochen.  Mir stockte der Atem. Ich dachte an den Alptraum von meinem Baby und dem Tod von diesem Herbert. „Hat Julian jemals echte Gefühle gezeigt und dir gesagt, dass er dich liebt?“, fragte Uta abschließend. „Nein, nicht ein einziges Mal“, fuhr es aus mir heraus. „Dann ist er vielleicht ein Psychopath, ein Killer und führt ein Doppelleben.“ Ich war verwirrt auf diese Aussage, gleichzeitig erschien sie mir viel zu harmlos. Da klingelte mein neues Handy. Uta sah missbilligend auf das Gerät und sagte: „Lass es klingeln, jetzt kontrolliert er dich auch schon aus der Ferne auf Schritt und Tritt mit diesem Ding.“ An dieser Stelle hätte ich gewöhnlich wieder nur entgegnet, dass sie wohl neidisch sei, weil sie sich so ein Ding nicht leisten könne, aber auf diese Idee kam ich gar nicht mehr. Julian war noch drei Tage weg und die Zeit wollte ich nutzen. Und sie wurden zum schlimmsten Alptraum meines Lebens.

Uta sagte zum Abschied noch: „Vielleicht ist alles auch gar nicht ganz so schlimm, aber der Typ ist einfach nicht gut für dich. Du hast doch einen besseren Mann verdient. Ihr seid ja nicht mal verheiratet und Kinder habt ihr auch keine. Was hält dich also beim ihm? Nur das viele Geld?“ Ich schüttelte den Kopf und begleitete sie zur Tür. Wieder klingelte es und ich sprach mit Julian. Ich sei unter der Dusche gewesen und hätte gleich zurückgerufen, log ich ihm vor. Dann setzte ich mich ins Büro an seinen neuen PC und suchte im Internet nach Antworten. Damals gab es noch nicht die Masse von Seiten wie heute, aber sogenannte Newsgroups zu allen möglichen Themen, auch zu spirituellen Sachen, Esoterik, Jenseitskontakten oder Sekten. Man konnte dort Fragen stellen und manchmal erst am nächsten Tag die Antworten offline lesen, da die Verbindung damals noch sehr langsam war. Es dauerte ewig, ein Foto von Julian hoch zu laden und in einer der geschlossenen Gruppen zu fragen, ob ihn jemand kennen würde. Ich erhielt keine brauchbare Antwort zu seinem Bild, aber zu meinen Träumen meldete sich jemand, der persönlich mit mir sprechen wollte. Er bezeichnete sich als Sektenopfer. Dieser jemand war eine Frau, wie sich später herausstellte und alles andere als auf den ersten Blick glaubwürdig. Ärzte hatten sie in eine Anstalt eingewiesen und sie wegen ihrer Wahnvorstellungen mit Medikamenten behandelt. Zusammen mit Uta wagte ich ein Treffen mit ihr. Es war der Tag vor Julians Rückkehr. Die Dame war schon etwas älter, ungefähr Fünfzig, Fünfundfünfzig vielleicht und wirkte sehr nervös. Niemand würde ihr glauben. Ihr Mann sei ein Monster, eine Art Echsenmensch, der seine Gestalt verwandeln könnte. Und er würde sich vom Blut der Neugeborenen ernähren. Sie hatte mehrere Fehlgeburten hinter sich und die Ärzte hatten gesagt, sie habe das nicht richtig verarbeitet und würde sich die Geschichte nur einbilden. Immer wieder sei zwangsbehandelt worden. Sie wüsste genau, was mit den Babys geschehen sei und einmal habe sich ihr Mann vor ihren Augen in einen Echsenmenschen verwandelt. Sie zeigte uns ein Bild von ihm. Es war Julian, zweifellos. Und es war nicht das Foto, das ich ins Internet hochgeladen hatte, denn sie war mit darauf zu sehen. Trotzdem fiel es mir schwer zu glauben, was die verwirrte Frau erzählte. Nur eines kam mir komisch vor. Auf dem Foto war sie als wesentlich jüngere Frau zu sehen und Julian etwa gleich alt wie sie. War das möglich? Dazwischen mussten fast zwanzig Jahre liegen. „Was ist denn aus Ihrem Mann geworden?“, fragte ich. „Er hat sich scheiden lassen und mich vorher in die Klapsmühle gesteckt, weil ich mit einem Messer auf ihn losgegangen sein soll.“ „Und stimmt das?“, mischte sich Uta ein. Die Frau nickte und sagte, er habe sich dann verwandelt und deshalb habe sie ihn nicht töten können. Uta winkte ab und raunte mir zu: „Die tickt doch nicht richtig, wir gehen.“

Noch am Abend fand ich im Internet mehrere obskure Seiten über Reptilienmenschen und reptilianische Außerirdische mit teilweise absurden Geschichten über Gestaltwandlungen, Kindermorde und Blutrituale. Häufig seien diese Wesen in Sekten verstrickt, mit denen sie nach Opfern suchten oder in Kreisen, die Bewusstseinskurse und Persönlichkeitsentwicklung anböten. Ich hatte zwar viel erlebt, doch das kam mir zu fantastisch vor. Am nächsten Tag kam Julian zurück und ich war innerlich starr vor Angst. Er merkte schnell, dass ich komisch war und „diese Uta“ da gewesen sein müsste. Oder jemand aus meiner Familie. Diese Kontakte seien nicht gut für mich, meinte er. Ich weiß nicht  wie er es schaffte, aber plötzlich sprudelte es aus mir heraus. Ich erzählte ihm von meinen Zweifeln, meinen letzten Träumen und dieser Frau. Er nahm mich in den Arm und sagte, ich sei vielleicht doch krank und bräuchte mehr Hilfe, als ich bei seinen Psychotherapeuten und in der Selbsthilfegruppe von damals finden könnte. Vielleicht sollte ich Medikamente nehmen, das könnten auch Wahnvorstellungen sein. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen und dachte an die verwirrte Frau und das Foto von ihr mit Julian. Hatte sie vielleicht doch ein kleines bißchen recht? Julian meinte, sie hätte das Foto gefälscht und dafür das benutzt, das ich ins Netz hochgeladen hätte. In mir drehte sich alles. Dann geschah etwas Seltsames. Vor meinen Augen löste sich Julians menschliche Gestalt auf, er verwandelte sich in ein reptilienartiges Wesen. Aber er sprach weiter zu mir. „Das sind Wahnvorstellungen. Du musst zu einem Arzt.“ Irgendwie bin ich schreiend aus der Wohnung gekommen, schaffte es mit der Bahn bis zu Uta, die mich ansah wie eine Verrückte. „Bist du jetzt auch übergeschnappt oder was hat er mit dir getan?“, sagte sie. Ich weinte nur noch, aber zum Glück rief sie nicht nach einem Arzt, der mich todsicher in eine Anstalt eingeliefert hätte.

Ich fuhr einige Tage später zur Hochzeit von meiner kleinen Schwester. Sie hatte einen wirklich netten  Mann, warmherzig und menschlich, ganz anders als Julian, dessen geheimnisvolle Aura mich nicht mehr beeindruckte, sondern vor Kälte erstarren ließ. Ich habe die Wohnung nie mehr betreten, sondern noch einmal ganz von vorne angefangen. Was genau geschehen ist, werde ich wohl von niemandem erfahren, doch in meinem Innern weiß ich, dass man mir mein Baby aus dem Leib geschnitten hat um  es zu opfern. Über Uta erfuhr ich, dass dieser Herbert aus dem Reiche-Leute-Club nicht an einem Herzinfarkt gestorben ist, sondern sich wegen der Pleite seines Unternehmens umgebracht haben soll. Da er eine Person des öffentlichen Lebens war, hätten die Behörden verschwiegen, dass er sich erhängt hatte, angeblich um die Familie zu schützen. Mein Traum hat mir etwas anderes gezeigt, aber das alles ist für mich nicht mehr wichtig. In mir wächst gerade ein neues Leben heran und an meiner Seite befindet sich ein Mensch aus Fleisch und Blut.